Interviews mit Petra A. Bauer, Corinna Müller-Michaels, Tine Schweizer & Jutta Wilke

24.10.2009

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Mütter sind stille Helden

Von Nicole Rensmann

Wir werden immer gebraucht und doch manchmal vergessen, selten gelobt oder beschenkt, oftmals beschimpft, im schlimmsten Fall getreten; manchmal gehasst und verachtet, und am Ende doch wieder geliebt: Mütter.

Zeit sich den Mamas zu widmen und vier Mütter mit zwei bis fünf Kindern hervorzuheben, stellvertretend für alle Mütter auf der Welt:

Petra A. Bauer

Petra A. Bauer, geboren 05.05.1964. Ihr Studium, als Ingenieurin für Stadt- und Regionalplanung schloss sie mit einem Diplom ab, arbeitete aber nur als Autorin für Krimis, Kinder- und Jugendbücher. Sie lebt mit Mann, einer zugelaufenen Katze und ihren vier Kindern im Alter von elf bis 20 Jahren in Berlin.


Twitter: @writingwoman
Website: http://www.krimi-autorin.de

Corinna Müller-Michaels

Corinna Müller-Michaels, geboren 25. Juli 1966, arbeitete als dreisprachige Sekretärin, bevor sie Mutter wurde. Heute lebt sie mit Mann und zwei Kindern in Düsseldorf.


Twitter: @corinnamm

Tine Schweizer

Tine Schweizer, geboren am 27. Februar 1976, arbeitete als Arzthelferin und Justizsekretärin, bevor sie sich vollends ihren vier Kindern (9, 7, 5 und 4 Jahren) widmete. Sie lebt mit ihnen, ihrem Mann, Kaninchen, einigen Fischen, Wüstenrennmäusen und einer hausierenden Katze in Dachau.


Blog: http://tinesbuecherwelt.wordpress.com/
Jutta Wilke

Jutta Wilke, geboren am 07. März 1963, arbeitete als Rechtsanwältin und Fachanwältin für Familienrecht, gab jedoch 2005 die Zulassung zurück. Mit Mann, fünf Kindern und ein paar Fischen lebt sie in Hanau am Main. Seit 2007 schreibt sie Bücher für Kinder und Jungendliche.


Twitter: @JuttaWilke
Website: http://jutta-wilke.de

Wie sieht dein normaler Montag aus?

Petra: Musstest du ausgerechnet einen Montag aussuchen? Das ist doch der Murphy-Tag an dem meist gar nichts klappt 😉  Scherz beiseite – mittlerweile unterscheiden sich die Montage nicht wesentlich von allen anderen Tagen, v.a. seit sich alle Kinder mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch Berlin bewegen und Mama-Taxi-Fahrten der Vergangenheit angehören. Bis vor ca. einem halben Jahr habe ich die beiden Kleinen morgens in die Schule gefahren und mittags abgeholt, weil die BVG-Anbindung dorthin ziemlich bescheiden war. Manchmal hat mein Mann die morgendlichen Fahrten auf dem Weg zur Arbeit übernommen, aber üblicherweise habe ich mich gegen Viertel nach acht, wenn ich von der Tour zurückkam, an den Rechner gesetzt und zuerst meine Mails abgerufen. Die produktivsten Tage waren jene (und sind es noch heute) an denen ich mich dazu zwingen konnte, die Mailsache zu ignorieren und mich sofort an mein jeweiliges Manuskript / Exposé / Kolumne zu setzen. Oft genug musste ich gegen Mittag mitten im Satz vom Rechner aufspringen um die Kinder wieder einzusammeln. Heute sitze ich schon ab sieben am Rechner, weil dann das letzte Kind zur Schule aufgebrochen ist. Die Kleinen besuchen seit dem Sommer beide verschiedene Ganztagsschulen und sind somit erst um 17:00 h bzw. 17:30 h zu Hause. Der Älteste ist neulich ausgezogen und unsere große Tochter kommt auch erst spät nach Hause und stürzt sich dann auf ihre Hausaufgaben. So sind meine Mütterdienste erst abends wieder gefragt, wenn ich mich an den Kochtopf begebe und währenddessen Hausaufgaben ansehe / bei Bedarf mit den Kindern für Klassenarbeiten übe und mir von mehreren Seiten gleichzeitig die Tageserlebnisse anhöre. Ich habe es aufgegeben zu sagen, dass ich zwar zwei Ohren aber nur ein Gehirn habe …

Auf diese Weise habe ich den ganzen Tag für die Arbeit (Schreiben, Konzipieren, Bloggen, Malen, Zeichnen, Marketing, was letztlich alles zusammenhängt) und unvermeidliche Erledigungen, sowie Haus- und Gartenarbeit.

Und weil du den Montag nanntest: Ab sofort fahre ich montags die Große in die Schule, weil ihr Gymnasium auf dem Weg zu meinem Fitnessstudio liegt und ich mir somit zweimal die Woche den Druck verschaffe, gleich morgens etwas für meine morschen Gräten und gegen meine langsam hartnäckiger werdenden Speckröllchen zu unternehmen.

Corinna: Kurz nach halb acht Tochter zur Schule bringen, schnell beim Bäcker vorbei fahren. (Mein Mann bringt meinen Sohn in den Kindergarten.) Nach hause, aufräumen, evtl. einkaufen, kurz an den Computer, E-Mails und Twitter checken, Mittagessen vorbereiten. Kurz vor halb zwölf Tochter von der Schule abholen, setze sie an ihre Hausaufgaben, zehn nach zwölf Sohn vom Kindergarten abholen, Mittagessen (zu Ende) kochen, Mittagessen, evtl. kurzer Mittagsschlaf.

Kinder entweder zu Verabredungen bringen, Kinder kommen zu Besuch oder selber etwas mit ihnen unternehmen, wenn es geht ein bisschen Gartenarbeit, etc.

Halb sieben Abendbrot für die Kinder, Kinder ins Bett bringen, vorlesen, vorsingen, etc. Zwischen halb acht und acht sind die Kinder im Bett. Dann Abendbrot für meinen Mann und mich vorbereiten, Tagesschau, Abendbrot, frei…

Tine: 6.30 h aufstehen, Kinder wecken, Frühstück und Brotzeit machen, bis 7.15 h die Schulkinder rausschmeißen und zwischen 7.30 und 8.00 h  die Kigakids wegbringen. Vormittags diverse Termine erledigen oder Haushalt. 12.45 h kommt der Erste Heim, ihm was zum Mittagessen machen und schauen, dass die Hausaufgaben erledigt werden. 15.00 h  Frühförderung für den 5-Jährigen. Danach bis abends alles andere erledigen, evtl. noch dem Großen bei den Hausaufgaben helfen, Abendessen, danach noch etwas Haushalt und Lesen, Laptop etc.

Jutta: Ich stehe um halb fünf auf, wie an jedem Morgen, außer sonntags, und trage die örtliche Tageszeitung aus.

Gegen halb sieben bin ich wieder zu Hause und mache das Frühstück für alle. Dann wecke ich meine Familie und helfe den drei Kleinen beim Anziehen. Während meine Familie frühstückt, bereite ich für alle die Frühstücksdosen zu.

Um halb acht verlassen bis auf mich alle das Haus in Richtung Schule, Kindergarten und Büro. Nach einer Tasse Kaffee mit Blick auf die neuesten Mails fange ich an, im Obergeschoss aufzuräumen und immerhin 7 Betten zu machen. Manchmal stelle ich mir einfach vor, ich wäre schon in der von mir erträumten Frühstückspension am Meer J. Viel mehr Betten wird diese auch nicht haben. Ich putze das Bad im OG und bringe Wäsche in den Keller, die erste Maschine wird angeschmissen und dann bin ich oben meistens schon fertig.

Ansonsten versuche ich, mir den Vormittag fürs Schreiben frei zu halten, d.h. spätestens ab 10.00 h sitze ich am Schreibtisch bis um ca. 13.00 h. In der Zwischenzeit kommt der Mittlere nach Hause, setzt sich zu mir und macht seine Hausaufgaben, gegen halb zwei kommen dann auch die Großen und wir essen zusammen. Klar, gekocht habe ich auch irgendwann. Und die zweite Wäsche in die Maschine gesteckt und die erste aufgehängt.

Nach dem Essen räume ich das Untergeschoss oberflächlich auf – man hat mir jetzt gesagt, dass schmutzige Fenster energiesparend sind, seit dem sehe ich das gelassener – und setze mich noch mal an meine Texte. Um 15.00 h hole ich dann die beiden Kleinen aus dem Kindergarten ab und bringe sie in die Musikschule. Während der Musikschule sitze ich in einem Nebenraum mit meinem Mini-Notebook und schreibe eine Stunde an meinem aktuellen Text. Dann düsen wir heim, ich lerne mit dem Großen wie jeden Tag Latein und Englisch, einkaufen erledigen wir unterwegs schnell und um 17.30 h müssen zwei Kinder schon wieder in der Schwimmhalle sein. Abendessen bereite ich so vor, dass jeder je nach Ankunft essen kann, mein Mann kommt mit den Kindern aus der Schwimmhalle (er ist Schwimmtrainer) und sobald alle satt sind, fangen wir gemeinsam an, die Kleinen ins Bett zu bringen. Wir nehmen uns viel Zeit für Kuscheln und vor allem Vorlesen, aber so ab 20.30 h ist einigermaßen Ruhe. Dann räume ich die Küche auf und falte die Wäsche vom Tag. Leider werde ich schon recht früh müde – während mein Mann noch locker bis Mitternacht durchhält, sinke ich meistens gegen 22.00 h ins Bett. Aber um halb fünf klingelt ja auch schon wieder der Wecker.

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Wenn du keine Kinder hättest, wie könnte dein Leben heute aussehen?

Petra: Ich scherze immer, dass ich dann als kettenrauchende Singlefrau in Prenzlberg wohnen würde. Was vermutlich Quatsch ist, weil ich mit meinem Mann bereits seit 26 Jahren zusammen bin, und somit der Singlefaktor schon mal wegfiele. Da ich jedoch Kinder wollte, seit ich mit 12 Jahren meinen ersten Cousin in den Armen hielt (der heute über zwei Meter groß ist *g*), ist dieses Szenario insgesamt wirklich mehr als hypothetisch.

Irgendeine künstlerische Arbeit würde ich aber in jedem Fall ausüben, egal, wo wir leben würden, denn ein Leben als Angestellte kam in meinen Träumen niemals vor. Kreativ war ich immer schon.

Corinna: Ich würde wahrscheinlich immer noch in meinem Beruf als dreisprachige Sekretärin in einer Anwaltskanzlei arbeiten, könnte aber über meine Freizeit und Wochenenden freier bestimmen und auch den Urlaub anders gestalten, d.h. weitere Fernreisen und Städtetrips, die sich für Kinder nicht so anbieten. Ich müsste nicht größeren Organisationsaufwand betreiben, wenn wir uns abends mit Freunden treffen wollten, denn ich bräuchte keinen Babysitter, etc.  Aber ich bin in Wirklichkeit sehr, sehr froh, dass ich meine Kinder habe!

Tine: Ich kann es mir gar nicht wirklich vorstellen. Vermutlich jeden Tag in eine Arbeit gehen, ob sie Spaß macht oder nicht, und abends heim.

Jutta: Hm – schwierige Frage.

Ich habe ja seinerzeit die Anwaltskanzlei aufgegeben, weil ich nach dem vierten Kind keinen Spaß mehr an meinem Beruf hatte. Ich hatte das Gefühl, sowohl das Büro als auch die Kinder würden mich zu 100% verlangen und ich konnte keinem mehr richtig gerecht werden. Im Hinterkopf war aber auch schon immer das Bedürfnis zu schreiben und das Schreiben zum Beruf zu machen. Ohne Kinder hätte ich sicher wesentlich früher damit angefangen und wäre heute entsprechend weiter. Andererseits sehe und erfahre ich gerade durch meine Kinder so vieles, dass ich mein Leben mit Kindern auf jeden Fall als das reichere ansehe.

Bevor ich auch nur einen Gedanken an Ehe und Kinder verschwendet habe, wollte ich allerdings immer Schauspiel studieren. Vielleicht wäre ich also heute auch Schauspielerin ;-).

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Gibt es Momente, in denen du dich überfordert oder allein gelassen fühlst?

Petra: Mein Mann ist beruflich stark eingebunden, sodass ich mich früher durchaus manchmal wie eine allein erziehende Mutter fühlte, was die täglichen Entscheidungen anging. Wenn mein Mann abends nach Hause kam, war der Tag ja praktisch schon vorbei. Es hat aber trotzdem alles gut geklappt und heute, wo die Kinder so selbständig sind, ist das ohnehin kein Problem mehr.

Das einzige, was mich während der gesamten Grundschulzeit (die in Berlin 6 Jahre dauert; insgesamt hatte ich 13 Jahre das zweifelhafte Vergnügen) unglaublich geschafft hat, war die seltsame Einstellung der Lehrer. Daran bin ich so manches Mal verzweifelt, obwohl mein Mann mich beim Kampf gegen die Windmühlenflügel tatkräftig unterstützt hat. Ich habe daraus gelernt, dass selbstbewusste Kinder mit Sinn für Kreativität, in diesem (Grund-)Schulsystem völlig fehl am Platze sind. Und das, wo in den ersten Jahren eigentlich eine solide Basis geschaffen werden soll. Zum Glück haben wir Oberschulen gefunden, wo sich die Kinder (v.a. die beiden Kleinen) zum ersten Mal wirklich ernst genommen und wohl fühlen.

Corinna:Sicher gibt es sehr anstrengende Zeiten, z.B. erinnere ich mich an den Schlafmangel mit Neugeborenen oder Babies während der Stillzeit.  Da konnte mein Mann ja nicht einspringen. Außerdem bin ich tagsüber (mein Mann kommt in der Regel erst nach 20:00 h nach Hause) immer allein für die Kinder zuständig. Es gibt auch keine Omas + Opas in der Nähe, die regelmäßig als Babysitter einspringen könnten. Mein Alltag ist also z.Zt. total kinderbestimmt. Abends bin ich in der Regel ziemlich erschossen, da ich ständig präsent sein muss und allein diese Wachsamkeit, der Lärmpegel und die Quengeleien etc. sind echt anstrengend. Und wenn ich mal krank bin, muss ich trotzdem funktionieren, denn einen Krankenschein für Mütter gibt es nicht.

Tine: Ja teilweise schon. Sei es von Lehrern oder anderen, wenn es Probleme gibt.

Jutta: Ja, ganz klar in finanzieller Hinsicht.

Da ich selbstständig war, gab es weder Mutterschutz noch Erziehungsgeld für mich. Ich habe bei allen Kindern bis zum Tag der Geburt gearbeitet und spätestens am dritten Tag nach der Geburt wieder angefangen. Nicht, weil ich ein Workaholic bin, sondern weil das Geld sonst knapp geworden wäre.

Da ich mit dem Schreiben noch nicht viel verdiene, geht es auch jetzt nicht ohne meinen Zuverdienst. Der Zeitungsjob ermöglicht mir einigermaßen freie Schreibvormittage. Deshalb bin ich im Grunde dankbar, dass ich ihn habe. Auch wenn ich jeden Morgen fluche, weil es so kalt und dunkel draußen ist 😉

Insgesamt ist man in der heutigen Gesellschaft als Großfamilie ziemlich allein gelassen. Autos, Ferienwohnungen, Häuser, Lebensmittelpreise und und und. Das alles ist nicht mehr auf Großfamilien zugeschnitten. Menschen ohne Kinder fühlen sich für Familien in ihrer Gesellschaft nicht mitverantwortlich. Das ist in meinen Augen ein gesellschaftspolitisches Problem, dass Gesellschaft im Sinne von Gemeinschaft kaum noch existiert. Jeder ist sich selbst der nächste und wer viele Kinder bekommt, hat eben »selbst Schuld«.

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Welche Art von Förderung von Seiten der Länder oder des Staates würdest du dir für Mütter, Väter, Eltern an sich oder auch Alleinerziehende wünschen?

Petra: Ich würde mir vor allem bessere Schulen wünschen, mit besserer Ausstattung, flexibleren Lehrplänen und Lehrern, die ihren Beruf und vor allem die Kinder lieben. Damit einhergehend ein Bonus-System für Lehrer, bzw. Lehrer, die man auch vom Schuldienst entfernen kann, wenn sie Kinder quälen (das ist kein leerer Spruch, ich weiß leider, wovon ich rede). Wobei die Betreuungs- /Vertrauensmisere ja im Prinzip in den Kindergärten bereits anfängt.

Ich wünsche mir, dass auch in Deutschland endlich Homeschooling erlaubt und (oh Schlaraffenland!) auch finanziell unterstützt würde. Wichtig wären auch qualitativ bessere Betreuungsmöglichkeiten mit flexiblen Zeiten (man denke an Schichtarbeiter) vor allem für Alleinerziehende. Gratis-Kindergartenplätze sind immerhin schon mal ein Schritt in die richtige Richtung, auch wenn es natürlich schon frustrierend ist, wenn ich überlege, wie riesig die Summe ist, die wir damals für die KiTa-Betreuung unserer Kinder ausgeben mussten…

Und die KiTa war uns für die Erlangung der sozialen Kompetenzen wichtig.

Ferner wünsche ich mir eine Senkung der Mehrwertsteuer, weil damit ja logischerweise ausgerechnet die großen Familien bestraft werden. Wir kaufen für sechs Personen naturgemäß mehr ein und zahlen somit mehr Steuern als Singles, die ihren gesamten Verdienst nur für sich selbst ausgeben können und nicht durch sechs teilen müssen. Das ergibt eine ziemliche Schieflage, die höchstens durch eine deutliche (!) Erhöhung des Kindergeldes ausgeglichen werden kann.

Corinna: Da ich selber z.Zt. nicht arbeite und auch nicht allein erziehend bin, bekommen meine Kinder keinen Blockplatz (d.h. Betreuung bis 15:00 h mit Mittagessen) im Kindergarten, oder keinen Platz in der gesicherten Grundschule (Betreuung ohne Mittagessen bis 13:30 h).  Diese Plätze werden den Kindern von allein erziehenden oder arbeitenden Müttern vorbehalten. Deren Notwendigkeit sehe ich natürlich ein, aber ich komme oft in organisatorische Schwierigkeiten, wenn ich meine Tochter (nach der 5. Stunde z.B.) und meinen Sohn zur gleichen Zeit von Schule/Kindergarten abholen muss. Es wäre also eine große Hilfe für mich, wenn es mehr  Kindergartenplätze mit Über-Mittag-Betreuung gäbe.

Tine: Fände es gut, wenn auch Vollzeitmamas anerkannt werden, und Mutter sein nicht immer so niedergemacht wird.

Jutta: Vor allem eine wesentlich bessere Möglichkeit für die Väter, einer Teilzeiterwerbstätigkeit nachzugehen, Erziehungsurlaub zu nehmen usw. Auf dem Papier ist das alles möglich, aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Kaum ein Mann, sofern er der Allein- oder Hauptverdiener in der Familie ist, kann sich Elternzeit leisten. Weder finanziell noch aus jobtechnischen Gründen. In meinem Bekanntenkreis waren die engagierten Väter immer die ersten, die in Krisenzeiten ihren Arbeitsplatz verloren haben.

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Im Vergleich zu deinem Beruf, fehlt dir da manchmal die Anerkennung als Mutter?

Petra: Dadurch, dass ich mit vier Kindern schon eher eine Ausnahme bin (allerdings gibt es in unserer Gegend mehrere Familien mit vier, ein paar mit fünf, sechs, sieben und sogar neun Kindern), ist mir schon immer eine ganz andere (gesellschaftliche) Anerkennung zuteil geworden als Müttern mit einem oder zwei Kindern. Was lustig ist, denn die Leistung vervierfacht sich ja dadurch nicht. Einzig die Fahrerei war mehr und die Streitigkeiten waren lauter 😉 Man vergisst jedoch leicht, dass sich mehrere Kinder auch automatisch gegenseitig erziehen. Ein Kind kann viel anstrengender sein, wenn man der einzige Kasper ist, der es den ganzen Tag bespaßen muss ;-).

Ich war mir jedoch früh bewusst, dass ich nicht ewig nur als „die Mutter von…“ durchs Leben gehen wollte. Was wäre denn gewesen, wenn ich als Vollzeitglucke dem letzten Kind beim Auszug hinterher gesehen hätte? Die Tiefe des Lochs, in das ich dann gefallen wäre, konnte ich mir schon ganz gut ausmalen, als die Jüngste in den Kindergarten kam und vormittags niemand mehr da war, der mich brauchte. Und ich gehe nun mal nicht darin auf, Hemden zu bügeln und farblich sortiert in den Schrank zu hängen. Damals besann ich mich auf meine Fähigkeit zu schreiben, und so muss ich mich nicht ausschließlich über unsere Kinder definieren. Das tat beiden Seiten gut, und meine Familie hat mich immer bei meiner Arbeit unterstützt. Alle sind stolz auf das, was ich erreicht habe, und das ist Anerkennung genug.

Corinna: Als Mutter bekommt man in der Regel kein Feedback, wie erfolgreich man das eine oder andere „Projekt“ abgeschlossen hat. Meistens bekommt man sogar noch besserwisserische Ratschläge von allen Seiten. Man kann es eigentlich nur falsch machen, egal ob man seine Kinder selber betreut, oder fremde Betreuung in Anspruch nehmen muss.  Auch bei den Kindern mache ich mich den ganzen Tag nur unbeliebt, wenn ich versuche, ihnen Regeln, Verhaltensmuster und das ganz normale Leben beizubringen. Aber sie geben mir auch viel zurück, nur auf eine andere Weise.

Tine: Das ist immer unterschiedlich, aber oft ja, vor allem mit den vier Kids wird man schnell als »aasig« hingestellt, man sei zu faul zu arbeiten.

Jutta: Nein, mir fehlt keine Anerkennung. Nicht mehr.

Früher hat mir oft die Anerkennung im Beruf gefehlt. Nicht die als Mutter. Aber ich hatte oft das Gefühl, von (männlichen) Kollegen nicht ernst genommen zu werden, weil ich eben nicht 70 Stunden in der Woche Anwältin war, sondern nur an rund 40 Stunden. Sie gaben mir oft das Gefühl, dass eine Anwältin mit Kindern keine vollwertige Kollegin ist. Wohingegen männliche Kollegen sich durchaus mit ihrem Nachwuchs brüsten durften. Der hielt sie aber auch nicht von der Arbeit ab, weil es dafür ja eine »Frau im Haus« gab.

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Was war der schönste Moment als Mutter? Erinnerst du dich daran?

Petra: Als mich die Kinder zum ersten Mal angesehen haben. Jedes einzelne.

Corinna: Die Geburt der Kinder war ein ganz wunderbarer Moment, sehr überwältigend, wie viel Liebe man auf einmal fähig ist zu empfinden und zu geben.  Die Tatsache von so einem kleinen Wesen so sehr gebraucht zu werden ist schon sehr mitreißend.  Es gibt auch Situationen, da sagt mir eins meiner Kinder spontan „Du liiiiebe Mama“ und drückt mich; und so banal das klingt, da geht mir das Herz auf.

Tine: Einer der schönsten Momente war, als mein erstgeborener Sohn die ersten Schritte auf mich zumachte. Das war genau an seinem ersten Geburtstag.

Aber auch im Alltag finde ich wieder kleine kostbare Momente, z.B. wenn meine Kleine zu lachen anfängt. Die hat so ein mitreißendes Lachen, oder wenn einer kommt, mich umarmt und mir sagt, dass er mich lieb hat.

Jutta: Es gibt natürlich unzählige viele »schönste« Momente. Jede Geburt (meine Kinder wurden zu Hause geboren) war ein unbeschreiblicher Moment.

Aber ein ganz besonders schöner Moment ist mir erst kürzlich begegnet. Meine älteste und einzige Tochter ist vor einigen Monaten ausgezogen. Sie ist 18 und wollte nur noch weg aus unserer großen lauten Familie mit vier kleinen Brüdern. Kürzlich trafen wir uns zum Kaffee und da sagte sie, die immer betonte NIEMALS Kinder zu wollen, zu mir:

»Irgendwann bald möchte ich auch eine Familie haben. Und dann möchte ich viele Kinder. So wie es bei uns immer war.«

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Und welchen hast du als beinahe unerträglich empfunden?

Petra: Als Kinder in unserer Bekanntschaft gestorben sind. Jede Mutter hat dann noch mal mehr Angst um ihre eigenen Kinder, denke ich. Jedenfalls war es bei mir so. Jeder Husten wurde dann zur potenziellen Bedrohung, jedes verschriebene Medikament konnte das falsche sein, jeder zugefrorene See eine tödliche Falle. Das legte sich nach den jeweiligen Todesfällen irgendwann wieder, aber anfangs war es jedes Mal schlimm.

Corinna: Als sehr frustrierend habe ich eine Situation empfunden, in der meine Schwiegermutter etwas sehr verletzendes zu meiner Tochter sagte und ich aus falscher Höflichkeit ihr nicht Paroli geboten habe. Im Nachhinein habe ich mich darüber geärgert, dass ich meiner Tochter nicht ein deutlicheres Signal gegeben habe, dass ich auf ihrer Seite stehe.

Tine: Nach der Geburt meines 2. Sohnes als er auf die Intensivstation kam, weil er extreme Anpassungsschwierigkeiten hatte, Temperatur nur noch auf 35 Grad und anderes.

Jutta:Beinahe unerträglich war der Moment, als eins meiner Kinder sehr sehr krank wurde und ich hilflos daneben stand. Zum Glück ist alles gut ausgegangen. Aber das Kind damals dermaßen leiden zu sehen und nichts, rein gar nichts machen zu können, das war kaum auszuhalten.

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Kinder sind ….

Petra: … die Zukunft für die es sich zu leben lohnt.

Corinna: … wunderbar, die größte Herausforderung und Bereicherung, die ich mir für mein Leben vorstellen kann.

Tine: … die Sonne, ohne die das Leben nur halb so schön wäre.

Jutta:… im Grunde die Menschen, denen wir unsere Erde, unsere Zukunft, unser Erbe anvertrauen.


Copyrights:

© Fotos: Bei den jeweiligen Personen
© Text
: Nicole Rensmann (http://www.nicole-rensmann.de, post@nicole-rensmann.de)

9 Kommentare:

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  4. Kannst du, weil ich es auch bin! 🙂

  5. >Das wird nicht bei allen funktionieren und nicht immer klappen, aber ein Versuch ist es wert, oder nicht?<

    Wenn ich mir da mal so sicher sein könnte, wie du es dir anscheinend bist….

  6. Hallo Michael,

    deine Beobachtungen decken sich mit meinen. Aber so wie sich das Leben mancher Eltern nur noch um ihre Kinder dreht, sehen Politiker nur ihr Umfeld, manche Lehrer nur noch das was mit einem Arm erreichbar ist oder manche Bauarbeiter die Welt vor Steinen nicht.

    Wenn die Welt „wärmer“ werden soll, muss jeder daran arbeiten, das ist ganz klar. Auch die Oma, für die ein Jüngerer aufsteht, darf „Danke“ sagen, sollte sie doch schon das gute Beispiel darstellen.

    WIR können es nur besser machen, damit es die anderen uns nacheifern.

    Das wird nicht bei allen funktionieren und nicht immer klappen, aber ein Versuch ist es wert, oder nicht? 🙂

    Beste Grüße, Nicole

  7. Hallo Nicole

    So macht halt jeder seine Erfahrungen und ich gebe dir insoweit Recht, daß ich dazu neige, meine persönlichen Erfahrungen zu verallgemeinern.
    Dennoch entspricht das, was ich geschriebe habe, dem was ich erlebe.
    In meinem Bekanntenkreis sind die „vernünftigen“ Eltern, die auch die Einschränkungen, die das Elternsein nun einmal mit sich bringt, deutlich in der Unterzahl.
    Die meisten sind beim Thema Kinder vollständig davon überzeugt, daß Kinder für jeden der Mittelpunkt der Welt zu sein haben und das Kinder überall ihren Platz haben.

    Beispiel:

    Freunde von uns heiraten, Einladungen zu den Feierlichkeiten erfolgen mit 3 Monaten Vorlauf, es wird ausdrücklich darum gebeten, daß zum abendlichen Essen im Sternerestaurant keine Kinder mitgebracht werden, die noch nicht die elementaren Tischsitten beherrschen. Trotzdem bringen 2 Paare ihre 3 und 5jährigen Kinder mit, die dann den ganzen Abend gelangweilt durchs Lokal toben.
    Begründung: Wir sehen nicht ein bloß wegen der Kinder auf diesen Teil des Festes zu verzichten. Da kann man ja mal Rücksicht auf die Kinder und uns nehmen.

    Ähnliche Fälle begegnen mir immer wieder, meist weniger dramatisch. Da sind es dann Eltern, die an der Kinokasse einen Terz veranstalten, weil der Film ab 12 ist und der jüngere Bruder draußen bleiben soll. Selber mit zu gehen, haben sie aber keine Zeit. Oder die, die ihren 13jährigen unbedingt bei den 6-8jährigen mittrainieren lassen wollen, damit sie nicht 2mal zum Training fahren müssen.

    Lehrer, Schule und Anwälte

    Da liegt meiner Meinung nach das Kind ganz besonders tief im Brunnen.
    Es ist unerträglich, daß Lehrer, wenn sie einmal „fertig“ sind, keinerlei Bewertung mehr unterliegen.
    Ich halte es auch für einen großen Fehler, daß die juristischen und verwaltungstechnischen Vorgaben für den Schulbetrieb von Bundesland zu Bundesland, ja sogar von Komune zu Komune (Schulbezirk) unterschiedlich sein können.

    Beispiel: Die älteste Schwester meiner Frau ist Lehrerin an einer integrierten Grundschule in Breckerfeld. Bei denen ist es Vorschrift, daß für Verwaltungsaufgaben, Konferenzen und Weiterbildung kein Unterricht ausfallen darf. Sowas findet grundsätzlich nachmittags oder abends statt.
    Bei uns macht die Grundschule einfach mal einen oder zwei Tage dicht, wegen Lehrerausflug oder Zeugniskonferenz oder weil ein Teil des Lehrpersonals auf Weiterbildung geht.
    Das reicht dann auch, wenn man das 3 Tage vorher ankündigt.
    Oder die OGS, die 4 Wochen vor den Ferien noch nicht weiß, ob und wann sie eine Betreuung anbietet.
    Was das Rennen zum Anwalt angeht, so sagt der Mann meiner Schwägerin (Berufsschullehrer in Ennepetal), daß er inzwischen fast genauso viel Zeit damit zubringt, seine Notengebung gerichtsfest zu gestalten, wie mit dem gesamten restlichen Verwaltungskram als Fachbereichsleiter zusammen.
    Ein Freund von mir hat letzten Sommer eine Vorlesung an der Uni Köln gehalten, Statistische Versuchsplanung für Wirtschaftsmathematiker.
    Er wurde vom Dekan ausdrücklich darauf hingewiesen, seine Noten in der Klausur dem Durchschnitt des Fachbereichs anzupassen, „um unnötigen Ärger zu vermeiden.“
    Ich habe noch mehr solcher und ähnlicher Beispiele.

    Mich widert es einfach an, daß sich alle welt über die Kälte der Gesellschaft beklagt.
    Wir sind die Gesellschaft und jeder von uns trägt sein Teil zu der empfundenen Kälte bei, aber es sind immer die Anderen, die etwas tun sollen.
    Wir sind entsetzt über die Oberflächlickeit und den Materialismus, das Konsumdenken und politische Desinteresse und was weiß ich noch der Jugend.
    Jeder sitzt da und sagt:“Von mir hat er das nicht.“
    Aber hey, von wem denn sonst??
    Es sind deine, meine, unsere Kinder und wenn sie nicht so sind, wie wir uns das wünschen, dann haben wir versagt und niemand sonst.

    Damit wir uns richtig verstehen, mehr Akzeptanz und Menschlichkeit wären wirklich wünschenswert.
    Aber das gilt für alle Seiten.

    Wenn die Oma mit dem Stock möchte, daß jemand für sie aufsteht, dann sollte sie vielleicht auch mal „danke“ sagen und nicht „wird ja langsam Zeit.“

  8. Hallo Michael,

    danke für dein langes Statement und die damit verbundene Tatsache, dass du dich mit der Materie beschäftigt hast. Ich habe aber das Gefühl, dass du die Antworten als Pauschale betrachtest und genauso pauschalisiert kritisierst.

    Es geht nicht darum, dass Mütter grundsätzlich Hilfe von dritter Seite erhalten. Denn wie du schon richtig anmerkst, wir haben uns den Job ausgesucht und wir sind auch diejenigen die ihn machen wollen und können.

    Wir, die meisten von uns. Ausnahmen gibt es immer und wird es immer geben.

    Doch, wer hilft heute noch einer Mutter den Kinderwagen in den Bus zu tragen?
    Ich habe nie einen Kinderwagen mitgenommen, weil ich nie auf die Hilfe eines Dritten angewiesen sein wollte. Meine Kinder habe ich mir vor den Bauch gebunden. ABER nicht jeder hat die Möglichkeit, den Rücken, die Kraft, den Körperbau dazu.

    Oder andersherum, wer steht denn noch im Bus auf, wenn eine ältere Dame mit Stock reinkommt?
    Alt werden wir alle irgendwann, das suchen wir uns nicht aus, das geschieht von alleine. Und nun?

    Das Problem ist ein gesellschaftliches. Jeder ist nur noch für sich selbst da, was interessiert mich der andere?

    Motto: Nach mir die Sintflut.

    Was nun die Lehrer betrifft. Es gibt engagierte Lehrer, es gibt wunderbare Lehrer, es gibt tolle und faire Lehrer, aber es gibt auch falsche, unfaire, überhebliche, dumme, unfähige Lehrer – so wie das in jedem anderen Job auch ist.
    Das Problem ist nur: Lehrer arbeiten mit Kindern zusammen. Auch sie haben sich den Job ausgesucht und sie werden – im Gegensatz zum Beruf oder der Berufung Mutter – dafür bezahlt.
    Ich erwarte also, dass sich Lehrer weiterbilden, dass sie auch mal einsichtig sind, dass sie nicht nur in ihre Ecke schauen, sondern weit darüber hinaus und dass sie ihren Job so gut machen, wie ich meine. Das erwarte ich nebenbei bemerkt von jedem, der Geld für seine Arbeit bekommt.
    Ich gestehe ihnen Fehler zu, wenn sie dazu stehen können.
    Und mir ist bewusst: Lehrern, die sich engagieren wollen, sind oft die Hände gebunden. Und diejenigen, die nur ihren Job machen, sind die Kinder egal.

    Die Eltern aber, die mehr für ihre Kinder möchten, sind in beiden Fälle meist machtlos. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, den keiner gewinnt, am Wenigsten unsere Kinder … und somit verliert auch wieder die Gesellschaft. Leider sehen das die wenigsten von uns.

    Und natürlich sind auch die Lehrer machtlos, weil sie kaum noch Rechte haben und es Eltern gibt, die immer nur „Dagegen“ sind und ohne nachzudenken auf ihr Recht pochen, egal ob es sinnvoll ist.
    Da hast du vollkommen Recht. Ich als ein Elternteil verurteile solches Vorgehen aufs Schärfste, weil es die engagierten Lehrer handlungsunfähig macht.

    Das Motto ist hier jedoch das Gleiche, denn die Eltern denken über die Konsequenzen nicht nach: Nach mir die Sintflut.

    Doch, dass Eltern sofort zum Anwalt rennen, das sind Ausnahmen.

    Aus heutiger Sicht würdest du dir keine Kinder mehr anschaffen?
    Hat das nicht jede Generation gesagt? Hat nicht jede Generation ihre Argumente gegen Kinder?

    Vor dem Krieg, nach dem Krieg, vor einem möglichen Krieg, vor dem Weltuntergang, mitten in der Krise …

    Argumente dagegen gibt es viele. Es beweist aber Mut sich gegen das Dagegen zu lehnen. Mut und Kraft, die vielleicht nur eine Mutter (und ein Vater) entwickeln kann.

    Wenn wir immer nur davon ausgehen, dass eh alles egal und nichts mehr wert ist, warum leben wir dann noch? Warum kommunizieren wir miteinander? Warum arbeiten wir? Warum versuchen wir in allen Bereichen Fuß zu fassen, warum setzen wir uns mit diesem Interview und unseren unterschiedlichen Meinungen auseinander?
    Warum legen wir uns dann nicht einfach in eine Kiste und sterben vor uns hin?

    Ich sage dir warum:
    Weil ein Kinderlachen das Honorar von Monate langer Arbeit ersetzt.
    Und ich glaube selbst kinderlose Menschen nicken jetzt, zumindest viele.

    Versteh mich nicht falsch, meine besten Freundinnen sind alle kinderlos. Sie haben sich alle drei bewusst gegen Kinder entschieden. Ich akzeptiere das, sowie sie akzeptieren, dass ich Kinder habe.

    Wir sind trotzdem die besten Freunde, wir unterstützen uns, obwohl unsere Leben vollkommen anders verlaufen.

    Das nennen wir nicht nur Freundschaft, sondern auch Akzeptanz und Menschlichkeit.

    Wörter, die vermutlich schon bald auf der Index-Wort-Liste stehen könnten.

    Dabei geht es nicht um ein „kuscheliges“ Leben, sondern um ein kleines bisschen Gemeinsinn, damit unsere Welt und das Leben auch lebenswert bleiben.

  9. Hallo

    Ich gratuliere zu einem interessanten Interview, daß einen hübschen Einblick in den Alltag und ein Stück weit in die Gedankenwelt der interviewten Frauen bietet.

    Zumindest 2 Punkte tauchen hier auch auf, die mir in Gesprächen mit engagierten Mehrfachmüttern meiner Bekanntschaft sonst auch begegnen.

    1. Sie wünschen sich mehr Unterstützung durch die Gesellschaft / Allgemeinheit

    Ich frage mich immer, woher dieser Wunsch kommt.
    Ist es einfach nur das Verlangen nach einer „kuscheligeren“ Welt?
    Das wäre in meinen Augen ziemlich naiv. Diese Welt ist so, wie unsere Eltern und wir sie gemacht haben und was für den einen kuschelig ist findet der andere widerlich.
    Gemeinschaft existiert nur in kleinen Gruppen und funktioniert auch nur dort. Das lehrt uns jeder Kaninchenzüchterverein.
    Oder steckt dahinter tatsächlich der Glaube, die „Anderen“ sollten sich für ihre Lebenssituation interessieren.
    Ich weiß ehrlich gesagt nicht, warum mich die Probleme kinderreicher Familien interessieren sollten.
    Die allermeisten Familien sind ja nicht kinderreich aus irgendeinem obskuren Grund oder aufgrund unbeeinflußbarer göttlicher Macht. Sie haben 2,3,4,5 oder noch mehr Kinder, weil sie es so wollten.
    Sie haben sich einen Wunsch erfüllt und stellen dann fest, daß die Erfüllung dieses Wunsches Konsequenzen hat, die Ihnen nicht gefallen. Konsequenzen, die man jedoch vorher hätte kennen können.
    Mein Sohn ist 21 Jahre alt und wenn ich es heute nochmal zu entscheiden hätte, würden wir in der heutigen Zeit keine Kinder haben.
    Jeder kann in der Zeitung lesen, das Kinder zu haben das größte Armutsrisiko in Deutschland bedeutet. Jeder kann sich in seiner Umgebung umschauen, wie die Situation bei KITAs, Schulen, Freizeit aussieht, wieviele Kids ohne Lehrstelle dastehen und so weiter.
    Jeder hat höchstwahrscheinlich eine Bekannte oder einen Bekannten, der was zum Thema Karriere nach der Elternzeit sagen kann.
    Trotzdem glauben sie alle, daß es bei ihnen anders sein wird, als bei allen anderen in ihrer Umgebung und sind dann enttäuscht, wenn es nicht so ist.

    2. Engagiertere Lehrer

    Auch da habe ich oft den Eindruck, daß die Verantwortung für das eigene Tun auf jemand Anderes verschoben wird.
    Man kann lange darüber diskutieren, welche Qualifikationen jemand haben SOLLTE, der unsere Kinder unterrichtet.
    Fakt ist, daß mir kein Beruf einfällt, dessen Ansehen in der Gesellschaft in den letzten 10 Jahren so rasant verfallen wäre, wie der des Lehrers.
    Wir stellen immer höhere Anforderungen an diese Leute und erklären sie gleichzeitig kollektiv zu Faulenzern und Drückebergern, die eh nur einen Halbtagsjob tun und das noch schlecht.
    Dabei sollen sie aber gefälligst all das leisten, was wir Eltern schon lange nicht mehr tun. Sie sollen UNSEREN Kindern UNSERE Werte vermitteln, die wir selber meist nicht leben.
    Da sitzt Vadder am Küchentisch und schwadroniert über die Kanakken, die ihm den Job streitig machen und wundert sich anschließend, wenn sein Sohn mit Glatze Ausländer jagen geht.
    Wir sind stolz darauf, wenn wir bei der Steuer getrickst haben, oder irgendwo einen (unrechtmäßigen) Vorteil rausgeschlagen haben und stehen dann fassungslos vor der materialistischen Einstellung unserer Kinder
    Lehrer sind in unseren Augen für den weiteren Lebensweg und die spätere Karriere unserer Kinder verantwortlich.
    Wehe, der kleine Klausi kriegt ’ne miese Zensur. Da rennen wir zum Anwalt.
    Wenn der Bengel faul ist, liegt es am Lehrer, weil der nicht genügend motiviert.
    Und das ist nicht bloß in der Schule so.
    Letztens hat so ein kleiner Drecksack meiner Frau beim Judotraining gesagt: „Du darfst nicht mit mir schimpfen, wenn ich nicht mitmache. Du musst mich motivieren.“
    Solange wir als Eltern uns nicht wieder auf unsere elementaren Pflichten besinnen, nämlich unseren Kindern Werte zu vermitteln und diese auch vorzuleben und ihnen Grenzen zu setzen anstatt jede Frechheit mit dem Satz:“das sind doch noch Kinder.“ zu entschuldigen, solange halte ich jeden, der freiwilig Lehrer wird für geistig instabil…
    Zu den Dingen, die unsere Jugend in meinen Augen ganz dringend lernen muss gehört, daß sie nicht einfach so einen Anspruch auf „Alles“ haben.
    Sie müssen wieder lernen, für Etwas zu arbeiten und daß man auch dabei scheitern kann.
    Dazu müssen Eltern aber erstmal akzeptieren, daß ihre Kinder nicht per se verkannte Genies sind.
    Es gibt halt Dinge und Tätigkeiten, die mein Sohn nicht kann, für die er „zu dumm“ ist.
    Das ist so und hat nichts mit dem Engagement des Lehrenden zu tun.
    Das wollen wir aber nicht hören.
    Lieber leben wir mit falschen Sicherheiten, der 3 in Mathe, die eigentlich eine 5 ist oder der bestandenen Judoprüfung, die nur Stressvermeidung für den Trainer ist.
    Wir brauchen keine engagierteren Lehrer.
    Wir brauchen wieder eine klare Sicht auf die Verschiedenheit unserer Kinder und die Erkenntnis, daß nicht jeder in unsere Gesellschaft vorbehaltlos glücklich wird.

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